Austellungsreihe mit Performances, performativen Skulpturen und Installationen von 13 Kunstschaffenden im Kunstraum Engländerbau Vaduz, Marks Blond Projects Bern, K3 Zürich, Kunstverein Konstanz, Château Mercier Sierre von Mai 2010 bis April 2011
 


Einführung in das Projekt

Für das Projekt „Im Bauch des Wals“ haben wir uns ein ungewöhnliches Ausstellungs- und Veranstaltungsformat überlegt: die Stafette. Der Begriff der Staffette kommt in diesem Projekt als Element der Transformation und als Weitergabe von Ausstellungsinhalten zum Tragen. 

Beteiligt sind fünf Ausstellungsinstitutionen mit je spezifischen Gegebenheiten: ein white cube (Kunstraum Vaduz, Juni/Juli 2010), ein off space (K3 in Zürich im September/Oktober 2010), ein experimenteller Ausstellungsraum mit Schaufenstercharakter im Stadtzentrum von Bern (Marks Blond Project Bern im November 2011), ein klassischer Kunstverein (Kunstverein Konstanz in Süddeutschland, Februar/März 2011) und ein Schloss mit Landschaftspark  (Sierre, April 2011).

Eingeladen sind 13 Kunstschaffende, die in der ganzen Reihe zwei Interventionen machen, die sich performativ oder installativ verändern. Jeder für die Stafette eingeladene Kunstschaffende hat zwei Auftritte oder Aufführungen im Ausstellungsprojekt. Jeder Ausstellungsort gibt etwas an den anderen weiter. Zusammengefasst wird die Ausstellungsarbeit durch eine Website mit tagebuchartigen Sequenzen.

Die beteiligten Kunstschaffenden:

 

Projektverantwortliche/Kuratorin: Sibylle Omlin, Sierre
künstlerische Assistenz: Ingrid Kaeser, Zürich 
Graphik/Website: Jérôme Lanon, Biel

 

Die Transformation von installativen und peformativen Ereignissen

In den letzten zehn Jahren innerhalb der Geschichte der zeitgenössischen Performance-Kunst ist eine Verlagerung des Interesses weg vom Körper des Performenden hin zum relationalen Raum und Kontext der Performance beobachten. Das Anliegen des Raumes, welcher für die Performance vorgesehen ist – Bühne, öffentlicher Raum, Ausstellungsformat – fordert in der Entwicklung der Performance neue Formen heraus, beispielsweise jene des Environments oder der Aktion, der politisch engagierten Projekte oder der Handlungen der Kunst im gesellschaftlichen Raum.

Die zwischen den fünf Orten geplante Ausstellungsstaffette geht davon aus, dass die heutige Performance-Kunst immer mehr auch in Ausstellungsräumen sichtbare Spuren hinterlässt. So haben verschiedene Ausstellungen das Format der Performance befragt: das Centre PasQuart in Biel mit Ausstellungen von Performance-Künstlern wie San Keller (2009) und Victorine Müller (2008); Kunsthalle Basel mit Arbeiten im Bereich Tanz und Tanzperformance von Alexandra Bachzetsis (2008), und natürlich das wichtige Re-Enactement-Projet von Marina Abramovic in New York (2009/10). Diese Projekte hinterliessen für unsere Vorbereitungsarbeiten inspirierende Gedanken.

Diese Verlagerung und Transformation der Elemente in der Performance-Kunst bildet das Kerninteresse in diesem Ausstellungssprojekt.

Die Installation steht für eine Konstruktion eines durch den Künstler definierten Raums im Raum der Kunst. Die Performance steht für die Belebung, Bewohnung und in Besitznahme dieses Raumes durch den Körper des Künstlers, der Künstlerin.

Inspirationen zum Projekt zwischen Performance und Installation

Eine für das Projekt Im Bauch des Wals wichtige Ausstellung, welche mit theoretischer Begriffsarbeit die beiden Formen Installation und Performance zu verschränken dachte, ist die Ausstelllung Out of actions: Between Performance and Objekt 1949-1979,  1998 kuratiert und konzipiert von Paul Schimmel für das MOCA Los Angeles.[1] Der 1998 auf deutsch erschienene Sammelband[2] um das Thema lancierte auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Forschungsansätze und Ausstellungsprojekte, die sich der Verbindung und Transformation von Performance, Objekt, Aufführung und Installation widmeten.

Im Jahr 2003 entstand um ein von Angelika Nollert (heute Leiterin des Neuen Museums für Kunst und Design Nürnberg) geleitetes KuratorInnenteam die von fünf Kunsträumen konzipierte Ausstellung zum Begriff der 'performativen Installation'.[3] Die 5-teilige Ausstellungsreihe Performative Installation in der Galerie im Taxispalais in Innsbruck (2003), im Ludwig Museum in Köln (2003/2004), im Museum für Gegenwartskunst Siegen (2003/2004), in der Secession in Wien (2004) und in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (2004) fand auf Initiative und in Kooperation mit dem Siemens Arts Program statt. Jede Ausstellung war für sich autonom und griff einen möglichen Aspekt des Themas auf. Der Begriff der 'performativen Installation' wurde für diese Ausstellungsserie kreiert und  als künstlerisches gegenständliches Werk mit Ereignischarakter verstanden. Diese Ausstellungsserie wurde für unser Projekt Im Bauch des Wals. Transformationen zwischen Performance und Installation zum zentralen Ausgangspunkt für unsere eigenen Überlegungen.


[1] Out of actions: Between Performance and Objekt 1949-1979, exhibition catalogue by Paul Schimmel, Museum of Contemporary Art, Los Angeles 1998.

[2] Paul Schimmel (Hg.) Out of actions. Aktionismus, Body Art und Performance 1949-1979, Ostfildern Ruit 1998.

[3] Performative Installation. Ausstellungskatalog hg. Angelika Nollert, Köln,2003.

 

Forschung zur Performance und ihren Kontexten 

Paul Nizon hat der Ausstellung den Titel gegeben, in seinen fünf Caprichos namens Im Bauch des Wals: Das Buch von 1989 mit den fünf Kapiteln, die sich wie in autonomen Räumen frei bewegen, bietet sich ein Erzählen dar, das sich keinen Zwang auferlegt, Ein Springen im Raum, ein Glissando, ein Gleiten oder Hinüberschleifen von einem Ton zum nächsten zu den Unruhe stiftenden Hauptwörtern unseres Lebens: Jugend und Alter, Leben und Tod, Liebe, Einsamkeit, Glück.


Die Referenz auf diesen poetischen Titel von Paul Nizon und ebenso auf den biblischen Mythos von Jonas und seiner Reise im Bauch des Wals entwirft den künstlerischen Topos der Verwandlung und Transformation, die die künstlerische Imagination an den lebensweltlichen Dingen vollzieht. Auch die Bildende Kunst ist von ihm betroffen, insbesondere die sogenannte Live Art oder Performance-Kunst, die aus Bildern und Erzählungen ein live-Erlebnis im Sinne einer Aufführung macht, wobei die Personen und die Dinge sich bald in das eine oder andere verwandeln.


Da die Performance nach wie vor auf eine vergängliche, wenn auch wiederholbare Handlung setzt, braucht es neue Formen von Erweiterung im narrativen kulturellen Raum. Eine Möglichkeit dazu bietet diese Ausstellungskette, die sich im Kontext der Erforschung der performativen Praxis und performativen Installationen versteht. Der Wechsel vom einem zum andern, von der Performance zur Installation und allenfalls wieder zurück stand im Zentrum dieses Projekts.


Die für die Live-und Installations-Situation erarbeiteten Performance-Bausteine, die in einem Ausstellungsprozess überprüft, bzw. wiederholt werden, wandern von einer Station zur andern, geraten so in andere Raumdispositive und in neue künstlerische Konstellationen zwischen den beteiligten Kunstschaffenden und Räumen. Ein zentraler Begriff in diesem Untersuchungsfeld ist deshalb jener der 'Transformation'. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen der Bedeutung oder Kodifizierung einer wiederholten Performance und der Rolle des installativen Settings beobachtet und ausgewertet.


Die Ausstellungskette in dem Projekt untersucht somit die Transformation von Performance-Aufführung und Performance-Objekten sowie installativen performativen Settings. Sie unternimmt innerhalb der Stafette nicht nur Ortswechsel, sondern auch einen Wechsel von Inhalten, Formaten und Kunstschaffenden vor, die mit je eigenen Mitteln und Medien die Perfomance  befragen. Wichtige Begriffe wie performative Skulptur (Victorine Müller) oder installaction (Valerian Maly/Klara Schilliger) stammen von den im Projekt beteiligten Kunstschaffenden selber und werden im Projekt reflektiert. Unser besonderer Dank gilt Valerian Maly und Klara Schilliger, die der Website des Projekts mit dem Begriff installaction Pate standen.